So gebräuchlich es in einigen Haushalten ist, Nudeln mit Soße zuzubereiten, so alltäglich verläuft auch das Leben der Familie Wiesel.
Oder etwa doch nicht?
Bei fünf Kindern und diversen Haustieren sind Verwicklungen im Leben der Großfamilie geradezu vorprogrammiert. Da ist es ganz verständlich, wenn Maria Wiesel so manches Mal am liebsten die Flucht ergreifen möchte. Wie die Dame des Hauses es dennoch immer wieder schafft, eine Katastrophe zu verhindern, schildert die Autorin auf humorvolle Weise in diesem Buch. Eine heitere Geschichte über eine chaotische, aber liebenswerte Großfamilie.

 

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Auszug:
»Grüß Gott, Frau Wiesel.«
»Ach, Herr Berger, es tut mir furchtbar leid, aber was sollen wir machen? Wir können die Jungs doch nicht festbinden. Aber die Fensterscheibe muss der Willi mit seinem Taschengeld abbezahlen, auch wenn es Monate dauert.«
»Seien Sie nicht so streng mit dem kleinen Kerl«, lachte Herr Berger. »Ich gehe dann mal nach oben und wechsele die Scheibe aus.«
Maria ergab sich in ihr Schicksal und widmete sich erneut der Abendmahlzeit und deren Vielfältigkeit. Während sie noch darüber nachdachte, ob es wohl richtig wäre, Willi die kaputte Fensterscheibe von sei-nem Taschengeld abzuziehen – schließlich waren seine Freunde ja nicht so ganz unbeteiligt an der Sache und nach anschließender Strafpredigt von Franz-Josef sehr niedergeschlagen gewesen – wurde unversehens die Küchentür aufgestoßen und Kathi wirbelte herein. »Mom, wann gibt es etwas zu essen? Ich habe einen gigantischen Kohldampf.« Sie nannte ihre Mutter seit einiger Zeit Mom oder Mommy, je nach Gemütszu-stand, aber warum sie das tat und das amerikanische Wort für Mama gebrauchte – das wusste kein Mensch. Und die so Betitelte schon gleich gar nicht. Kathi selbst wahrscheinlich auch nicht. Maria konnte es sich nur so erklären, dass es bei den Jugendlichen gerade als „chic oder en vogue“ galt, auf das altbewährte, zärtliche Mama als Kosewort zu verzichten und dafür auf zeit-gemäße Begriffe zurückzugreifen. Sie erinnerte sich an die Jugendsprache ihrer eigenen Generation und wie sehr sich diese im Laufe der Zeit gewandelt hatte.
Katharina Konstanze Kunigunde Wiesel war ein großes, hoch aufgeschossenes Mädchen. Sie überragte mit ihren fünfzehn Jahren nicht nur ihre ältere Schwe-ster Josi, sondern auch ihre Mutter um Haupteslänge. Zudem spielte sie in der Korbballmannschaft der Schule, was nicht zuletzt auf ihre Größe zurückgeführt werden konnte und ihr deshalb die uneingeschränkte Bewunderung ihrer Brüder sicherte. Maria hoffte je-doch, dass Kathi mit dem Wachstum bald abschließen würde, denn das Kleidungsbudget der Familie wurde dadurch sehr belastet. Kathi war diejenige ihrer Kinder, die oftmals im Sommer sowie im Winter doppelt neue Kleidung brauchte, da sie gerade zu diesem Zeitpunkt wiederholt gewachsen war. Hinzu kam, dass die wenig getragenen Sachen nicht nach unten weitergegeben werden konnten, weil sich ihre Brüder vehement geweigert hätten, Mädchenklamotten anzuziehen, obwohl Kathis Schlabberlook nicht unbedingt danach aussah. Allein das Wissen dieses Umstands würde den Jungs körperliche Schmerzen verursachen. Die Einzige war ihre ältere Schwester, die ab und an mal ein Sweatshirt oder einen Pulli von ihr übernommen hatte. Der unkomplizierten Josi war es bis vor Kurzem noch egal gewesen, ob die Sachen zu lang waren und etwas lockerer saßen. Allerdings hatte sich das mittlerweile auch geändert und Maria war nun regelmäßig ein gern gesehener Gast in der Kleiderkammer, um bedürftigen Familien mit den Sachen der Kinder eine Freude zu machen. Diese wurden von den Menschen in den Flüchtlingsunterkünften, die an verschiedenen Punkten der Stadt entstanden, dringend benötigt. Maria schauderte es bei dem Gedanken, wie viele in den letzten Jahren die Heimat verloren hatten und nun Zuflucht in fremden Ländern suchten, um einem Krieg im Herkunftsland zu entgehen. Was mochten diese Menschen erlitten haben, dass sie sich in die Fänge gewissenloser Schlepper begaben. Kaum waren sie dem Terror entkommen, pferchte man sie in überfüllte Schlauchboote, die reihenweise vor der Küste Lampedusas untergingen. Und diejenigen, die durch-kamen, konnten noch von Glück sagen, dass sie we-nigstens ihr nacktes Leben gerettet hatten. Angesichts solcher Schicksale empfand Maria die eigenen Sorgen stark übertrieben. Resolut verdrängte sie ihre kleinen Kümmernisse und wandte sich an ihre Tochter.
»Das Essen ist gleich fertig, geh bitte schon mal den Tisch decken. Ich glaube, du bist diese Woche dran.«
»Nö, ich habe an Fritz verkauft. Ich rufe noch mal eben rasch bei Sabine an.«
Blitzschnell war Kathi zur Tür hinaus.
© Marika Krücken