Ein Schlüsselmoment, häufig nicht länger als ein einziger Wimpernschlag und doch verändert er alles.
Ein Moment, der die Zeit bedeutungslos erscheinen lässt, der über Licht oder Dunkelheit, Leben oder Tod entscheidet und welcher uns zum Retter oder Mörder macht.
So wie Karla, die ins weiße Licht möchte. Michaela, die eine blaue Warnung zum Nachdenken bringt. Black Velvet, der doch einfach nur schlafen will und die alte Dame, die „Brown Sugar“ überhaupt nicht mag. Es gibt ein Geheimnis, Red Eyes, und eine Fee mit dem Namen Violett.
Jede einzelne Geschichte in diesem Buch ist anders und doch erleben sie in allen diesen einzigen, ganz speziellen Moment, den Schlüsselmoment der besonderen Art.

 

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Auszug aus: Die kleine Fee Violett
Es gibt Erlebnisse im Leben, da macht es Spaß, sich an sie zu erinnern. Während du zurückdenkst, huscht ein Lächeln über dein Gesicht. Vielleicht empfindest du auch ein wenig Wehmut, weil dir bewusst ist, dass du diese wunderbaren Augenblicke nie wieder erleben wirst. Dennoch genießt du es, die Bilder der Vergangenheit, ab und zu hervorzuholen, um sie zu betrachten.
Aber leider gibt es auch Erinnerungen, die du vergessen möchtest. Gegen die du dich mit aller Kraft wehrst, um zu verhindern, dass sie wieder auftauchen. Aber egal, was du auch versuchst, sie sind in deinem Kopf und bleiben dort für alle Zeit bestehen.
Auch in meinem Leben gibt es eine davon. Etwas, das ich erlebte und mich heute noch quält. Besonders in Zeiten, in denen ich verletzlich bin. Momente, wo ich eigentlich etwas bräuchte, das mich wieder zum Lächeln bringt. Das mich aus einem Tief hervor kommen lässt und mit neuem Mut versorgt. Dann, genau dann, bricht die Traurigkeit über das Erlebte hervor.
So wie in diesem Augenblick. Gedankenversunken sitze ich auf dem Bett meiner Tochter Elisa. Starre an die Wand des verlassenen Kinderzimmers. In der Hand ihre Lieblingspuppe Violett haltend, stürzen die Erinnerungen auf mich ein.
Keine Guten sondern genau solche, wie die eben beschriebenen. Habe ich zuerst nur an mein Kind gedacht, erklingt auf einmal ohne Vorwarnung der Name eines kleinen Mädchens in meinem Kopf. Ein Name aus der Vergangenheit, ein Name, der für mich mit Trauer verbunden ist. Vielleicht liegt es daran, dass Elisa ausgezogen ist. Ihren eigenen Weg geht und ich sie dabei als Mutter nicht mehr tagtäglich begleite. Ab jetzt aus weiter Ferne zuschaue, wie sie glückliche Zeiten erlebt, aber auch Fehler begeht. 
Wir beide haben ein sehr gutes Verhältnis. Viele Jahre nahm sie den wichtigsten Platz in meinem Leben ein. Füllte mein Herz mit Fröhlichkeit und ganz viel Liebe aus. Auch wenn ich keine Glucke bin, die ihren Kindern die Freiheit, sich zu entwickeln, nimmt, fällt es mir dennoch schwer, Elisa fortgehen zu lassen. Wie jede Mutter einsehen zu müssen, dass ihre Kinder nur Besucher in ihrem Leben sind. Gäste die lange Zeit bleiben aber sich doch eines Tages verabschieden. Nein, mir ergeht es da nicht anders.
Als ich sie zum Bahnhof brachte und ihre Koffer zum Zug trug, lächelte ich, obwohl mir das Weinen bis zum Halse stand. Sie sollte sich auf das Abenteuer, die Welt für sich zu entdecken, freuen. Das Letzte, was ich wollte, war ihr ein schlechtes Gewissen wegen meines Abschiedsschmerzes einzureden. Meine Kleine war nun groß und zog in die weite Welt hinaus.
Während ich mich krampfhaft bemühte das Lächeln in meinem Gesicht beizubehalten, spulten die Erinnerungen wie ein Film vor meinen Augen ab. Wie ich sie das erste Mal nach der Geburt in meinen Armen hielt, ihre Schulzeit, die erste Liebe. Und jetzt? Jetzt konnte ich nur noch hoffen, dass sie sich bei mir meldete und mich öfters besuchte.
Auf den Rückweg nach Hause ließ ich den Tränen freien Lauf. Die Taschentuchhersteller wären mir dankbar, wenn sie das Endresultat auf den Boden des Wagens sehen würden. Eine beachtliche Anzahl nasse, zerknüllte Taschentücher häuften sich zu meinen Füßen, während ich aus dem Auto ausstieg.
Als ich dann mein Zuhause betrat, begrüßte mich eine Stille, die mir fremd war. Keine laute Musik dröhnte und keine zuknallende Tür, während meine Tochter in den Flur stürmte, empfing mich. Trotz, oder gerade deswegen, führte mein erster Gang in Elisas Zimmer.
Das war jetzt bereits zwei Stunden her, wie mir die Uhr an der Wand zeigte. Immer noch hatte ich es nicht geschafft, wieder aufzustehen und den Raum zu verlassen. Mein umherwandernder Blick registrierte kahle Wände, leere Regale. Zeichen dafür, dass sie nicht mehr hier wohnte. Nur wenige Dinge, die ihr Leben begleiteten, waren zurückgeblieben. Eines davon war diese Puppe, die ich in meinen Händen hielt. Ein Spielzeug, nicht einmal hübsch und dennoch etwas Besonderes. Jedenfalls für mich. Bevor Elisa sie bekam, begleitete sie mich und davor, ja davor, Karina, das kleine Mädchen, das jetzt in meinem Verstand herumspukte.
Ich lernte Karina kennen, als ich acht Jahre alt war. Mutter und ich zogen in einen verpönten Stadtteil, einem Randgebiet meiner Heimatstadt. Kein Ort, in dem man gerne wohnte. Das Asozialen Viertel oder auch »Klein Chicago« nannten es die, die dort nicht leben mussten. Dementsprechend war auch ich keinesfalls begeistert darüber, dass hier unser neues Zuhause sein sollte.
Wohn-Blocks, riesengroß, beängstigend, grau in grau, boten keinen schönen Anblick, als ich aus dem Auto stieg. Während ich neben Mutter, die meine Hand hielt, herlief, zitterte ich vor Angst. Ich fühlte mich so klein und schutzlos. Die Betrunkenen, die uns auf dem  Gehweg begegneten, trugen kaum zur Beruhigung bei. Mutter musste meine Aufregung gespürt haben. Sanft drückte sie mir die Hand und flüsterte in mein Ohr: „Nicht für lange Marina, das verspreche ich Dir!“ 
Wir waren beim Hauseingang angekommen. Während sie den Schlüssel ins Schloss steckte und drehte, musterte ich ihr Gesicht. Auch wenn sie ihr Bestes gab, es vor mir zu verbergen, Mutters sorgenvolle Augen verrieten mir ihre Gedanken. Ebenso wie ich hatte sie ein Haus mit Garten, lieben Nachbarn und ein scheinbar perfektes Leben hinter sich gelassen.
Unsere Familienwelt war bis vor kurzem fehlerlos gewesen. Völlig undenkbar, dass es irgendwann anders sein würde. Bis mein Vater die andere Frau kennenlernte, alles zerbrach und die Wahrheit ans Licht kam. Meine Eltern trennten sich und verkauften das Haus. Die Scheidung wurde eingereicht und der Streit um Unterhaltszahlungen, Sorgerecht und Schuldenregulierung begann. Wie viele Telefonate zwischen Mama und Papa hatte ich heimlich belauscht und dabei herausgefunden, dass wir finanziell bankrott waren.
Mit dieser Vorrausetzung schnell eine Wohnung als alleinerziehende Mutter, ohne einen Beruf und mit Schulden zu finden - schier unmöglich. So blieb ihr nichts anderes übrig als hier einzuziehen.
Als wir in den Hausflur traten, kam uns ein kleines Mädchen, die Treppen herunter hüpfend, entgegen. Laut sang sie dabei ein Kinderlied, bis sie mich entdeckte. Mich neugierig musternd, grinste sie von einem Ohr zum anderen. Während ich vor Verlegenheit kaum wusste, wo ich hinschauen sollte, sprach sie mich ohne Scheu an: „Hey, ich bin Karina und wer bist du?“
© Verena Grüneweg