Die junge Tiertrainerin Judith Schlüter ist glücklich. Mit dem Kauf eines einsam gelegenen Hauses vor den Toren von Detmold erfüllt sie sich einen langgehegten Traum.

Doch dann geschehen mysteriöse Dinge. Immer wieder sieht sie das Gesicht einer älteren Frau vor sich. Schließlich erkennt sie diese auf einem Foto bei ihrer einzigen Nachbarin Ellen Jacobi wieder. Zu ihrem Schrecken erfährt sie, dass es sich um die ehemalige Eigentümerin ihres Hauses handelt - um Thea Erdmann, die gemeinsam mit ihrem Ehemann fünf Jahre zuvor ermordet wurde.

Verurteilt für diese Tat wurde deren Pflegetochter Bianca, die jedoch bis heute ihre Unschuld beteuert. Gemeinsam mit Ellen Jacobi beginnt Judith erneut mit Recherchen und stößt in ein Netz voller Intrigen und Lügen.

Was geschah wirklich vor fünf Jahren?

Was verschweigen Zeitzeugen und wie viel weiß die Hellseherin Sidonia?

Was vergangen ist ..." ist ein Krimi mit mystischer Färbung, da der Geist der getöteten Thea ebenso eine Rolle spielt wie die Wahrsagerin Sidonia. Doch er verliert sich nicht in mystischen Welten, sondern entwickelt sich in der Realität und wird schließlich auch dort gelöst. So ist der Roman nicht nur für Mysteriefans lesenswert und spannend.

 

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Auszug

Judith sah ihren Hunden lächelnd zu. Es war schön, spielenden Tieren zuzusehen. Das war pure Lebensfreude.

Sie hatte keine Angst, dass sie wegliefen, auch wenn das Grundstück noch nicht umzäunt war. Aber nicht einmal die hektische Snow zeigte auch nur den Hauch eines Anzeichens, dass sie weglaufen wollte.

Da kamen sie schon wieder. Judith schloss die Tür und ging die Treppe wieder hinauf, um zu duschen.

Snow und Cloud folgten ihr wie gewöhnlich.

Judith wollte gerade das Badezimmer betreten, da begann Cloud laut zu heulen. Judith drehte sich um und blickte verwirrt auf die Tiere, die vor der Gästezimmertür hockten. Cloud saß auf seinen Hinterpfoten, reckte den Kopf in die Höhe und heulte wie ein Wolf. Snow dagegen – ausgerechnet die temperamentvolle Snow - hockte zusammengekauert und mit eingezogenem Schwanz da und gab keinen Laut von sich.

„Was ist denn nur los?“, fragte Judith tonlos.

Irgendwie war ihr unheimlich zumute und sie wusste überhaupt nicht, warum. Aber das Verhalten der Hunde war mehr als ungewöhnlich.

„Was geht hier nur vor?“, fragte sie laut vor sich hin.

Sie legte ihre Hand auf die Klinke.

Snow winselte.

Judith durchfuhr ein Schrecken, den sie so körperlich fühlte, als sei er ein Stromstoß, der durch ihren ganzen Körper fuhr. Ihr wurde heiß, ihre Hand zitterte. Ihr Herz schlug heftig.

Trotzdem drückte sie die Klinke langsam herunter.

Ihr Verstand sagte: Stell dich nicht so an. Du bist eine erwachsene Frau und benimmst dich wie ein Kleinkind, das sich vor Monstern im Kleiderschrank fürchtet. Nichts ist dahinter als die Möbel, die du selbst hineingestellt hast und die hässliche Blümchentapete, die du noch nicht ausgetauscht hast.

Doch ihr Gefühl war reine Angst. Sie fürchtete sich davor, die Tür zu öffnen. Dennoch: Der Drang, die Tür zu öffnen war noch stärker. Sie drückte die Klinke herunter und schob die Tür ganz langsam, Zentimeter für Zentimeter auf.

Ein kalter Luftzug wehte ihr entgegen. Cloud hinter ihr hatte das Heulen eingestellt. Snow winselte leise.

Judith schob die Tür endgültig auf.

Ihr Blick fiel auf den Standspiegel.

Doch was sie da sah, war nicht ihr eigenes Spiegelbild. Es war eine schlanke Frau mittleren Alters mit grauen Augen und einer etwas biederen Lockenfrisur. Es war die Frau aus ihrem Traum.

Judith schrie gellend auf und stürmte die Treppe hinunter. Cloud und Snow folgten ihr fluchtartig.

Sie riss die Terrassentür wieder auf und stürzte ins Freie.

Luft. Sie brauchte Luft.

Sie atmete schwer und laut durch den Mund. Sie musste sich beruhigen. 

Wieder frei atmen. Cloud und Snow sprangen aufgeregt um sie herum.

Sie sah den Hunden zu, die über die Wiese tollten. Sie benahmen sich, als wäre nichts passiert.

Ihr Atem wurde wieder ruhiger.

„Und es ist auch nichts passiert!“, sagte sie laut, als müsste sie sich selbst davon überzeugen.

Das, was sie gesehen hatte, konnte ja gar nicht sein. So etwas gab es ja überhaupt nicht. Also war es auch nicht passiert.

Sie lachte unfröhlich auf. „Tolle Logik, Judith.“

Aber es stimmte doch. Sie hatte in den Spiegel gesehen und diese Frau erblickt, die ja sowieso nur ein Fantasieprodukt war. Eine Traumgestalt.

Im Spiegel war sie jedenfalls nicht gewesen. Sie hatte sich etwas eingebildet.

Aber warum hatte sie diese Frau so deutlich vor sich gesehen? Sie kannte das Gesicht nicht. Es erinnerte sie an niemanden.

Oder gab es eine verschüttete Erinnerung? Eine alte Lehrerin? Mutter einer alten Freundin? Eine Beschreibung in ihrem Krimi?

Sie war sich nicht sicher. War sowieso egal. Das Gehirn war eine komplizierte Angelegenheit. Diese Ellen hatte ihr diese fürchterliche Geschichte von der Ermordung der Vor-Vor-Vorbesitzer erzählt und ihr Unterbewußtsein hatte dem ganzen ein Bild und ein Gesicht gegeben.

Ihr Atem ging wieder ruhig und ihr Herzschlag war schon fast wieder normal. Ob wohl noch etwas Wein da war? Dann würde sie sich erstmal ein Glas genehmigen. Oder – vielleicht lieber nicht. Zum einen war es früh am Morgen und zum zweiten ging vielleicht gerade dann ihre Fantasie mit ihr durch. Nein, sie brauchte einen klaren Kopf.

Sie stand noch immer draußen, im Schlafanzug.

Das Wetter war nicht besonders warm, aber sie fror nicht.

Der Kaffee müsste fertig sein, fiel ihr ein. Sie ging hinein, schüttete sich eine große Tasse des dampfenden Kaffees ein und ging wieder nach draußen.

Es sah sie ja niemand. Sie war hier ganz allein.

Und sie brauchte die Luft.

Sie schüttelte sich. Allein der Gedanke, hinauf zu gehen, um zu duschen, ließ ihr einen Schauer über den Rücken fahren.

Wie sollte sie hier leben, wenn sie sich so anstellte?

Gleich würde es wieder gehen. Musste es ja.

Erstmal Kaffee trinken und die Morgenluft genießen.

© Rotraud Falke-Held