Susi Strohhut ist eine kleine, ungezogene Hexe, die selten, eigentlich nie, das macht, was sie soll. Ihre Freunde, Corax - ein schwarzer Rabe, und Hieronymus - ein Feuerdrache, haben manches Mal ihre liebe Not mit ihr.
Warum muss Susi Strohhut auch das große Zauberbuch der Großmutter mopsen? Und muss die kleine Hexe wirklich überall ihre Nase hineinstecken?
Ob alles im gut ausgeht? Lest selbst, in welche Schlamassel sich Susi Strohhut hineinmanövriert.

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WIE ALLES BEGANN
Was da auf der Lichtung in einem finsteren Wald saß, sah von weitem aus wie ein kleiner Haufen bunter Tücher mit obendrauf einem gelben Strohhut. An dem Hut war ein rotes Band mit einer roten Blume befestigt.  Der bunte Haufen Tücher bewegte sich mit einem Mal und dann hörte man es daraus fluchen: „Himmelkreuzdonnerwetternocheinmal, nicht einmal kann ich mich in Ruhe zurückziehen, um zu meditieren.“  Derjenige, der den Unmut der Person unter den Tüchern erregt hatte, saß auf dem Ast eines Baumes, der weit in die Lichtung hineinragte. Es war ein schwarzer großer Vogel, der allgemein als Hexenvogel bekannt war und seines Zeichens aus der Gattung der Rabenvögel stammte.  „Susi Strohhut, mache kein Theater. Du weißt genau, dass bald die Sonne untergeht und du bei Anbruch der Dunkelheit zu Hause sein musst. Deine Großmutter schickt mich, um dich daran zu erinnern. Also, schwinge die Hufe und komm mit.“ „Grrrrrrrrrrrr! Immer soll ich etwas machen, was ich gar nicht will. Immer soll ich gehorchen, nur weil ich noch klein bin. Das ist so ungerecht. Die Großen dürfen immer alles. Sie dürfen essen, was sie wollen, schlafen gehen, wann sie wollen, aufstehen, wann sie wollen und hingehen, wohin sie wollen. Ich darf gar nichts.“ Trotzdem stand sie auf und ging langsam den Waldweg entlang, der zu einer Erdhütte führte – zum Haus ihrer Großmutter.  Susi Strohhut war eine kleine Waldhexe und erst einhundert Jahre alt. Noch sehr jung, denn eine Hexe ist erst mit fünfhundert Jahren ausgewachsen.  7
Im runden Gesichtchen der kleinen Hexe gab es eine kleine Stupsnase, große, grüne Augen und einen kleinen Mund, mit dem sie reden konnte … und zwar ohne Punkt und Komma. Am liebsten trug Susi das bunte Tücher-Kleid. Wenn der Wind wehte, dann sah es so aus, als wollten die bunten Stoffe allesamt davonfliegen.  Rot war die Lieblingsfarbe von Susi Strohhut. Rot wie ihre Haare, die so lang waren, dass sie darüber stolpern würde, wenn sie diese nicht zu einem dicken Zopf geflochten hätte. So ging der Zopf nur bis zu ihrem Po. Ihren Namen hatte die kleine Hexe bekommen, weil sie immer, wohin sie auch ging, ihren gelben Strohhut auf dem Kopf trug.  Langsam schlenderte Susi den Weg entlang, der zum Haus ihrer Großmutter führte. An beiden Seiten des Weges wuchsen hohe Farne und dazwischen weiße Waldanemonen. Die Bäume standen, je weiter sie ging, immer dichter beieinander. Kaum ein Sonnenstrahl drang durch die dichten Kronen. Als sie an eine dicke alte Eiche angekommen war, stampfte sie dreimal mit dem Fuß auf und es erschien das Haus, in dem sie und ihre Großmutter wohnten.  Es war von der Umgebung kaum zu unterscheiden. Das Dach war mit Gras und Flechten bewachsen und die Hauswände mit Schlingpflanzen überwuchert.
Drinnen war es sehr gemütlich eingerichtet. Hinter der Tür lag ein einziger großer Raum. An der rechten Seite standen zwei Betten – mit bunten Decken und Kissen darauf – und an der linken ein Herd, auf dem ein lustiges Feuer brannte. Darüber hing ein großer Kessel, aus dem es dampfte, und der Geruch einer deftigen Hühnersuppe verbreitete sich im ganzen Raum. Von der Decke hingen Kräuter, die in jeder guten Küche gebraucht wurden: Selleriekraut, Majoran, Petersilie, Salbei, Knöterich, Zwiebeln, Ingwerwurzeln, Knoblauch, Johanniskraut, Lavendel und vieles mehr. 
Aber auch Kräuter, die es nur in einer Hexenküche gab, wovon viele giftig waren und es heute noch sind. Wie zum Beispiel die Alraune, das Efeu, der Fingerhut, der Fliegenpilz, Stechapfel und die Tollkirsche.  Die Großmutter hatte für jede Krankheit ein Kräutlein und wusste diese auch zu gebrauchen. Auch jetzt stand sie wieder am Herd und rührte in dem großen Kessel. Sie drehte sich nicht um, als sie die Tür aufgehen hörte und auch nicht, als diese wieder heftig ins Schloss geschmettert wurde. Die Großmutter ahnte, dass Susi Strohhut ungehalten war wegen der vielen Vorschriften, die sie beachten musste. Freundlich sagte sie: „Setze dich, Kind, du bekommst gleich deine Suppe. Wasche dich aber vorher.“ „Waschen, Hühnersuppe essen“, maulte Susi Strohhut, „ätzend, Hühnersuppe und schon gar nicht mit Reis.“ Etwas weniger freundlich erwiderte die Großmutter: „Nörgle nicht an gutem Essen herum, sondern tu, was ich dir sagte. Wir werden heute Nacht noch Kräuter sammeln gehen. Es ist Vollmond und du weißt, dann sind sie am besten.” Wieder mit sanfter Stimme erkundigte sie sich dann: „Was hast du seit heute Morgen im Wald getan?“ Schon plapperte Susi los: „Zuerst habe ich geschaut, wo die Eichhörnchen die Haselnüsse vergraben haben. Dann habe ich dem Specht geholfen, er hatte sich beim Hämmern, den Schnabel verbogen. Zum Schluss habe ich mich auf die große Lichtung gesetzt und versucht zu meditieren, aber da ist das dumme Rabenvieh gekommen und hat mich unterbrochen.“ „Sage nicht dummes Rabenvieh“, schimpfte die Großmutter. „Raben sind sehr begabte Vögel. Sie können sogar Zusammenhänge erkennen, wenn sie eine Aufgabe lösen müssen.
Zum Beispiel, wie sie eine Made aus einem Astloch holen können, der Schnabel dazu aber zu kurz und zu dick ist. Dann benutzen sie ein Hölzchen und bohren in dem Loch herum. Sie ärgern die Made so lange, bis sie sich in dem Stöckchen festbeißt und dann ziehen sie die Larve heraus, um sie zu verspeisen.“ „Igitt!“ Susi verzog theatralisch ihr Gesicht und setzte sich an den Tisch.  Großmutter stellte ein Schüsselchen Hühnersuppe vor die kleine Hexe, reichte ihr einen Löffel und wünschte „Guten Appetit!“ Danach nahm sie einen Schal und wickelte ihn sich um den Kopf, sodass ihre weißen Haare ganz und gar darunter verschwanden. Sie rückte ihre Brille, die sie auf ihrer Nase balancierte, ordentlich zurecht und legte sich den grauen Mantel um die gebeugten Schultern. Mit wenigen Schritten war Großmutter an der Tür und griff nach ihrem aus Eichenholz geschnitzten Wanderstock, der in der Nische neben dem Türstock lehnte. Drei Mal klopfte sie mit dem Wanderstock auf den Boden … die Tür sprang auf. Im Hinausgehen sagte sie noch zu Susi Strohhut: „Löffle deine Suppe, ich gehe schon einmal vor in den Wald. Komm dann nach. Du findest mich auf der großen Lichtung am Waldsee, dort, wo die Sternblumen stehen, die nur heute Nacht blühen.“ Hinter ihr schloss sich die Tür. Susi Strohhut aber dachte gar nicht daran, ihrer Großmutter zu gehorchen. Sie hatte Besseres vor …
© Renate Anna Becker