Ein Junge, hässlich geboren, erfährt den Spott der Menschen. Der Tod seiner Mutter stürzt ihn in ein seelisches Tief, aus dem er als anderes Wesen zurück ins Leben kehrt: als Wolf. Sein Leben wird nun bestimmt durch den Instinkt des Tieres und dem Verstand des Menschen. Er wird zum Führer eines Wolfsrudels und gleichzeitig ein Vermittler zwischen Mensch und Tier.

 

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Auszug:
Der junge Wolf trabte hinaus in die Ebene. Er hatte keine Ahnung, wohin er sich wenden sollte.
Das Wetter war schön und er freute sich seines Lebens. Verspielt jagte er einem Schmetterling hinterher, um ihn zu fangen, bis ihm die Worte seines Vaters einfielen: ‚Töte niemals ein Tier um des Spaßes willen. Nimm dir nur das, was du zum Leben brauchst. Verlegen ließ er ab von dem bunten Falter. Hunger verspürte er noch keinen, deshalb machte er sich darüber auch im Moment keine Sorgen.
Sein Weg führte ihn zwei Tagesläufe weit bis zum Gebirge. Er wusste nicht, dass es hier schnell zu einem Wetterumschwung kommen konnte. Das aber sollte er nun sehr schnell lernen. Wie aus heiterem Himmel stürmte, blitzte und regnete es.
Der junge Wolf suchte Schutz unter einem überhängenden Felsen. Er legte die Schnauze auf die Vorderpfoten und sah dem Regen zu.
Das Unwetter dauerte den Tag und auch die Nacht über an. Am Morgen ließ der Regen endlich nach. Es wurde Zeit zu jagen, denn langsam meldete sich der Hunger.
Auf der Suche nach Wild gelangte der junge Wolf in eine Schlucht, die an beiden Seiten entlang der Felswände mit niedrigem Buschwerk bewachsen war. Ein Geräusch ließ ihn aufhorchen und vorsichtig werden.
Plötzlich sprang aus einem Gebüsch vor ihm ein graues Ungetüm. Mitten auf dem schmalen Pfad stand ein alter Wolf von wahrlich gigantischem Ausmaß. Den massigen, muskulösen Körper krönte ein breiter, missgeformter Kopf, vermutlich eine Folge heftiger Kämpfe unter Rivalen, denn das rechte Ohr fehlte und über dem linken Auge zog sich eine wulstige, blutrote Narbe hin.
Auffällig aber war vor allem die Stimme des Ungetümes. Heiser bellend fragte er barsch: „Wer bist du? Was machst du in meinem Revier?“
Der junge Wolf schaute den alten Kämpfer furchtlos an und antwortete: „Ich bin auf Namenssuche und darf erst heimkommen, wenn ich für mich einen passenden Namen gefunden habe.“
Der Graue schnaubte fast wie ein Pferd und knurrte dann: „So, so! Einen Namen sucht der hoffnungsvolle junge Rüde. Meinst du, die lägen hier einfach so herum? Ein Name wird dir verliehen, wenn du eine große Tat vollbracht hast. Ich heiße Marco – das bedeutet ‚der Kriegerische‘. Vor nichts und niemandem fürchte ich mich und in zahllosen Kämpfen blieb ich Sieger.“
„Oh, die Kämpfe sieht man dir an und die Siege hast du teuer erkauft“, entgegnete der junge Wolf und machte sich klein nach Wolfsart, um seine Verehrung zu zeigen.
Doch dann ging der Übermut mit ihm durch: „Sei mir nicht böse, alter Freund, aber ich beabsichtige nicht nur zu kämpfen, sondern auch große Taten zu vollbringen. Ich werde dann vielleicht Ramon heißen, das bedeutet ‚der Herrscher‘.“
Der alte Kämpfer schnaubte wieder wie ein Pferd und bellte verärgert: „Dann verschwinde zu deinen großen Taten, du Gernegroß. Woher nimmst du dir das Recht, mich als ‚alter Freund‘ anzureden?“ Der junge Wolf ließ sich nicht einschüchtern.
„Ich meinte es durchaus respektvoll“, versicherte er. „Meine Eltern haben mich Achtung vor allen gelehrt. Ich bin der Sohn des Geisterwolfes Felix. Meine Mutter ist Nevia. Beide wurden als Menschen geboren, aber die Natur schenkte ihnen das Glück, als Wölfe zu leben. Ihre Gene sind mein Erbe. Ich habe durch sie den Verstand eines  Menschen und den sicheren Instinkt eines Tieres.“  Stolz sprach aus dem Blick des jungen Wolfes.
Weder er noch der große Graue bemerkten, dass ein Wilderer sich anschickte, die Wölfe anzugreifen. Vorsichtig hatte er sich ihnen genähert und hob nun das Gewehr, zielte auf den Kopf des alten Wolfes und drückte ab.
Ein Knall hallte von den Felswänden wider ...
Wie vom Blitz getroffen stürzte das alte Tier zu
Boden. Der junge Wolf aber machte einen Satz zur Seite auf das Strauchwerk zu. Eine Kugel zischte an seinem linken Ohr vorbei. Zielstrebig drang er weiter in das Gebüsch vor, gelangte zur Felswand, schlich an ihr in der Richtung entlang, die ihn in den Rücken des Schützen führte und kroch dann erneut durchs Gebüsch auf den Pfad zu.
Er sah den Wilderer stehen, über den großen grauen Wolf gebeugt. Der Mann hatte jetzt ein Messer in der Hand und hob den Arm, bereit zu töten …
© Renate Anna Becker