Auswandern? Mit fast vierzig Jahren und zwei schulpflichtigen Töchtern? Und noch dazu in den Orient?
Das Morgenland lockt mit bunten Basaren, leuchtenden Farben, einem unvergleichlich blauen Himmel und geheimnisvollen mondbeschienenen Nächten. Doch wie ist das wirkliche Leben hinter dem Schleier der Illusionen?
Ein Buch, das das Leben schrieb!

 

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Neubeginn
An der türkischen Grenze erwartete uns ein Anblick wie auf dem Campingplatz: Überall standen Autos herum, und daneben hockten ganze Familien mit Picknickkörben und Gaskochern, auf denen munter der Tee vor sich hinbrodelte. Mit unseren Papieren in der Hand betrat mein Mann die kleine Grenzstation, worauf hin ein Beamter kam und ins Wageninnere leuchtete. Die Kinder befanden sich im Halbschlaf, denn es war bereits tiefe Nacht. Die Passkontrollen gingen problemlos und schnell über die Bühne, doch dann mussten wir die Motornummer unseres Autos registrieren lassen – eine Maßnahme, die es im Ausland so nicht gibt. Nun kamen liebe mitwartende Landsmänner meinem Mann zur Hilfe. Mit Taschenlampen und viel Geduld konnte die Nummer schließlich ermittelt und notiert werden.
In dem kleinen Stationshaus war auch der Zoll untergebracht. Gemeinsam mit meinem Mann ging ich hinein. Dort traf es mich wie ein Schlag: Beißender Qualm schlug mir entgegen! Die Beamten hatten eine sogenannte Mückenkeule entzündet, da es in Thrakien wegen der nahen Reisfelder nur so von den stechenden kleinen Plagegeistern wimmelt. Man sagte uns, wir müssten Kopien von irgendwelchen Papieren machen lassen, aber der Kopierer sei leider kaputt. Mein Mann solle in den nahegelegenen Ort laufen und die Dokumente dort kopieren lassen. Das war völliger Unsinn, denn um diese Uhrzeit arbeitete dort niemand mehr. Hugo versuchte den Beamten das klar zu machen – doch sie blieben dabei - wir müssten dann eben bis zum Morgen warten, bis der Kopierer repariert sei.
Na! Das sind ja schöne Aussichten!“, sagte ich zu meinem Mann, der seltsam ruhig blieb. Jetzt mussten wir aber dringend mal wo hin. Zuerst zockelte ich mit den inzwischen erwachten Kindern los. Das Toilettenhäuschen war nur durch eine Laterne von draußen schwach beleuchtet – doch das genügte: Angewidert schauten wir auf fünf versiffte Stehklos und eine bis zum Rand mit Müll vollgestopfte Sitztoilette. Es gab kein Wasser, weder zum Abziehen noch zum Hände waschen. Deprimiert kehrten wir zum Auto zurück und versuchten, es uns so bequem wie möglich für die Nacht zu machen, nachdem wir unsere Hände mit Trinkwasser aus unseren Flaschen und Feuchttüchern gereinigt hatten.
Am nächsten Morgen war Schichtwechsel auf der Station und keine Rede mehr von irgendwelchen Kopien. „Das habe ich mir gedacht“, sagte mein Mann in ruhigem Ton, als der freundliche Beamte uns durch die Sperre dirigierte. „Die wollten nur Geld rausschlagen. Hat aber nicht geklappt.“ Erst jetzt fiel mir auf, dass Gepäck und Kofferraum gar nicht kontrolliert worden waren. Jahre später lasen wir in der Zeitung, dass inzwischen viele Zollbeamte mittels versteckter Kameras wegen Bestechung ermittelt und entlassen worden waren.
© Christine Erdiç