Spannendes und Geheimnisvolles, Böses und Fesselndes - geschrieben von bekannten AutorInnen der ganzen Welt - finden sich in diesem Buch.
Der Blutmond scheint und lässt die Worte der Mutter zur Wahrheit werden. Ein Spiegel als Zeuge eines Verbrechens und ein tödlicher Rufmord für jeden, der alleine stirbt. Ein Protagonist, der einer Autorin das Fürchten lehrt und ein Schutzengel in Menschengestalt, treffen sich zum Leichenschmaus.
Thriller und Krimis, die trotz der Kürze die Leser zu schlaflosen Nächten zwingen.
Der Erlös aus dieser Anthologie fließt an "GewaltfreiLeben".

 

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Der Spiegel
Im gesamten Haus herrschte Finsternis. Keine normale Dunkelheit, sondern eine Schwärze, die nicht einmal dem geschultesten Augen ermöglichte, auch nur einen Umriss zu erkennen. Nur ein einziger, winziger Lichtstrahl blinzelte auf eine tiefrote Rose, die in der Mitte eines riesigen Raumes auf dem Parkett lag. Die Blume hatte ihre zarten Tage bereits lange hinter sich, denn all ihre Frische hatte sie verlassen und ihr einstiger Glanz versteckte sich unter einer Schicht aus Staub.
Anna ging den Weg durch den Wald, wie jeden Abend. Es war ihr vollkommen egal, ob die Nacht bereits hereingebrochen war, oder nicht, denn sie kannte jeden Stein hier auswendig. Der Gedanke, dass sie vielleicht Angst haben könnte, vor etwas Unbekannten, oder der Finsternis kam ihr nie. Selbst die Geräusche von knacksenden Ästen, oder der Wind in den Blättern der Bäume verunsicherten sie nicht. Für Anna war das einfach alles normal. Bereits als Kleinkind trappelte sie hier neben ihrer Mutter. Jetzt, nachdem sie nach Mutters Verschwinden die Arbeitsstelle von ihr im Haus des Notars übernommen hatte, ging sie eben alleine.
Das Haus, in dem sie lebte, war nur mit dem Notwendigsten ausgestattet. Für Luxus reichte ihr mageres Gehalt nicht aus. Doch sie war zufrieden, denn für sie war die Natur ihr Zuhause. Sie fühlte sich wohl hier, inmitten der Bäume und der Einsamkeit des Weges. Niemals eilte sie, sondern verweilte sogar oft an der kleinen Lichtung, die ziemlich in der Mitte der Strecke lag, denn hier wuchs ein wilder Rosenbusch. Ein umgestürzter Baum diente als Sitzgelegenheit und der Duft der roten Rosen durchströmte die Luft. Anna liebte diesen Geruch und die Farbe der Blüten. In der warmen Jahreszeit, wenn der Busch all seine Äste mit Blüten bestückte, dann nahm sie sich einen kleinen Strauß Rosen mit in ihr Häuschen.
Annas Arbeit war leicht, denn der Notar hielt sich kaum in diesem Haus auf. Höchstens zweimal in Jahr besuchte er sein Anwesen, blieb jedoch kaum eine Stunde, denn länger hielt der diese Ruhe nicht aus. So beschränkte sich Annas Arbeit auf Staubwischen und Gartenpflege. Doch niemals nutzte sie die Leichtgläubigkeit ihres Chefs aus. Täglich erschien sie um acht Uhr morgens und verließ das Haus um sechzehn Uhr. Montag bis Freitag. Auf Anna war Verlass. Nach Anna konnte man die Uhr stellen.
Für die Bewohner, des naheliegenden Dorfes war sie nicht vorhanden. Also, eigentlich schon, aber man schwieg sich aus. Denn Anna war anders. Obwohl sie bereits über dreißig Jahre alt war, lebte sie alleine. Dies war schon Grund genug, sie als Außenseiterin zu sehen, denn mit diesem Alter hatte man verheiratet zu sein. Die anderen Mädchen hier waren eher pummelig und nicht gerade mit Schönheit gesegnet. Anna unterschied sich auch hier sehr von der Masse.
Jedes Mal, wenn Anna das Schloss der großen Holztür des Notarhauses aufschloss, erinnerte sie sich an den Tag, als ihre Mutter verschwand.
Wie jeden Morgen ging Mutter frühmorgens aus dem Haus, aber zur gewohnten Stunde kam sie nicht wieder. Anna machte sich Sorgen, denn auch ihre Mutter war zuverlässig und ausgesprochen pünktlich. So ging sie den Weg bis zum Herrenhaus und suchte auch das Grundstück ab. Doch ihre Mutter war nirgends zu sehen. Das Haus lag dunkel und einsam, es schien verlassen. Als Anna jedoch probierte, ob die Türe verschlossen war, öffnete sich diese und der Herr Notar stand vor ihr.
»Anna! Was machst du um diese Uhrzeit hier alleine?«, fragte er sie, schien aber etwas verheimlichen zu wollen, da er aus der Türöffnung trat und die Türe sofort hinter sich abschloss.
»Herr Notar, meine Mutter kam nicht heim, ich sorge mich«.
»Also hier ist sie pünktlich weggegangen. Du weißt, nach deiner Mutter kann man die Uhr stellen«.
Mit diesen Worten ging er einfach an ihr vorbei zu seinem Wagen, stieg ein und fuhr los.
Anna blickte dem Auto mit offenem Mund nach. Sie konnte das Verhalten des Notars einfach nicht fassen. Es schien so, als wäre es ihm vollkommen egal, ob ihrer Mutter etwas passiert war oder nicht. Kopfschüttelnd machte sie sich auf den Weg ins Dorf, um beim Ortspolizisten vorzusprechen.
Wie erwartet nahm man sie nicht ernst. Zumindest hatte sie stark den Eindruck. Zwar wurde die Vermisstenanzeige aufgenommen, aber eine Suchaktion blieb aus. Auch von der restlichen Dorfbewohnerschaft interessierte niemanden, was passiert war. Selbst als nach Monaten noch immer kein Lebenszeichen von Annas Mutter da war, bewegte sich einfach nichts, obwohl Anna fast täglich bei der Polizeistation nachfragte.
Der Notar hatte, trotz seiner seltenen Anwesenheit, alle wichtigen Zeitungen abonniert, und so suchte Anna täglich nach Informationen, die ihr einen Hinweis geben konnten. Aber nichts. Nicht die kleinste Meldung.
Dann kam der Winter und durch den Frost riss ein Wasserrohr im Herrenhaus. Unbemerkt sickerten kleine Mengen Wasser aus und mit der Zeit saugte sich das Holz des Parkettbodens damit voll. Anna hätte es überhaupt nicht bemerkt, wenn nicht der Spiegel einen Lichtstrahl aufgefangen hätte und dieser genau auf die Stelle des Bodens schien, wo eines der Bretter sich ein wenig gehoben hatte. Dadurch entstand ein Schatten, den sie sofort bemerkte.
So ein Schaden kam beim Herrn Notar sehr schlecht an, und so versuchte Anna das Parkett mit Tritten wieder an seinen Platz zu bekommen. Doch es ging nicht und so trat sie fester - und - brach durch. Panik breitete sich in ihr aus, denn sie fürchtete, dass der entstandene Schaden von ihrem Lohn abgezogen werden würde. So holte sie Leim und Werkzeug aus dem Anbau und begann die losen Holzstücke zu entfernen.
Ein schriller Schrei hallte durch den Raum. Anna starrte mit weit aufgerissenen Augen in das entstandene Loch im Boden. Im darunterliegenden Hohlraum lag die Kleidung, die ihre Mutter am Tag ihres Verschwindens trug. Fein säuberlich gefaltet. Daneben die Schuhe.
Lange kniete sie vor dem Loch und starrte nur auf ihren Fund. Wusste nicht, was sie tun sollte. Die Polizei holen? Nun, die würde dies nicht als Grund sehen, eine genaue Untersuchung zu machen, denn bisher taten die auch nichts. Den Herrn Notar rufen? Nun, den zu verständigen wäre wohl ein sinnvoller Gedanke, aber was war, wenn er der Mörder ihrer Mutter war? Denn eines war sicher, ihre Mutter lebte nicht mehr, das spürte sie.
Anna musste die Wahrheit selbst herausfinden.
Inzwischen war es ihr egal, ob sie ihre Stellung verlor. Sie musste die Wahrheit ans Licht bringen.
Mit Stemmeisen und Hammer löste sie alle Parkettstücke über dem kleinen Hohlraum. Die Teile legte sie fein säuberlich daneben. Dann stand sie auf und verließ für diesen Tag das Haus. Das erste Mal, dass es ihr egal war, ob sie ihre gesamte Arbeitszeit hier verbracht hatte oder nicht.
Doch ab dem nächsten Morgen ging sie wieder ins Haus des Notars. Aber sie arbeitete nicht mehr. Mit dem Schürhaken des offenen Kamins in beiden Händen wartete sie hinter der großen Flügeltüre, dass der Notar erschien. Jeden Tag. Von acht Uhr morgens, bis sechzehn Uhr. Dann ging sie nach Hause, durch den Wald, vorbei an ihrem Rosenbusch.
Der Winter verging, das Frühjahr ließ die Knospen sprießen, und sobald die ersten Rosen blühten, brach Anna eine ab und legte sie auf die Kleidung ihrer Mutter im Haus des Notars. Aber der kam nicht.
Jeden Tag brachte sie nun eine Rose mit. Ein Stück Leben für ihre Mutter. Legte sie auf die Kleidung. Dann stellte sie sich hinter die große Flügeltüre und wartete. Täglich, um die Zeit, als sie damals das erste Holzstück löste, schimmerte ein zarter Lichtstrahl genau auf die Rosen, reflektiert vom Spiegel.
Als die letzte Rose des Jahres am Busch erblühte, nahm Anna diese, verschloss das Loch im Boden, das nun vollgefüllt war mit roten Rosen, und legte die Letzte genau an die Stelle, wo das Licht vom Spiegel auftraf. Dann drehte sie sich um und ging. Für immer. Wohin, das kann keiner sagen.
Der Notar aber verunglückte am selben Tag mit seinem Auto, nachdem ihn ein Lichtstrahl der Sonne, der sich im Rückspiegel des Wagens brach, blendete. Der Wagen brach durch die Leitplanke, stürzte in den Abgrund und ging in Flammen auf. Der Notar nahm das Geheimnis über den Ort, an dem er Annas Mutter vergraben hatte, mit in den Tod. Anna konnte nie erfahren, dass die Leiche ihrer Mutter tief in der Erde, neben genau dem Rosenbusch lag, der die wunderschönsten Rosen hervorbrachte, die es jemals gab.
© Karin Pfolz