Geschichten und Anekdoten, geschrieben von bekannten AutorInnen der ganzen Welt. Wir begegnen einem Koffer, der ein Schicksal begleitet, möchten alleine an den Strand, Unternehmen eine Reise mit "Dreamtravel", versuchen einzuschlafen, aber eine Schlafwagenfahrt weiß das zu verhindern. Leichtsinn wird bestraft und mit dem Frühling im Herzen stauen wir nach Berlin-Tegel. An einem Tag im März verändert sich alles und eine Weide und ein Kätzchen erleben ein Abenteuer. Viele weitere Geschichten warten darauf, gelesen zu werden und dabei zu helfen.
Jedes Exemplar dieses Buches unterstützt dasProjekt "Respekt für Dich - AutorInnen gegen Gewalt".
Bereits über 850 AutorInnen, KünstlerInnen, MusikerInnen, stehen hinter "Respekt für Dich". Für die Buchserie "Jedes Wort ein Atemzug" schreiben sie Kurzgeschichten und Anekdoten und das gesamte Honorar für diese Bücher fließt in die Hilfe für Gewaltopfer.
Insgesamt sind bereits 5 Bände erschienen. Alle vollgefüllt mit Unterhaltung für die Leser.

 

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Frühling im Herzen
Das kleine Mädchen mit den dunklen Locken und den lustigen Sommersprossen kniete auf dem Feld und hielt den Atem an. Die kurze rote Hose aus Wildleder, die es so gern trug, starrte vor Schmutz und zu Hause würde es wieder mächtig Zoff geben, doch das war ihr in diesem Moment völlig egal.
Neben dem Mädel hockten die Dorfbuben und wetteiferten, wer wohl die erste Maus fing, die aus dem Bau kam. Ein derbes Vergnügen für die Jungen, außer Christine hatte kein Mädchen dafür etwas übrig. Von den größeren Buben geduldet, von den Dorfkindern ihres Alters, vor allem von den Mädchen, gefürchtet, suchte sie ihr Vergnügen meist in wilden Spielen oder begleitete ihren Vater in den nahegelegenen Wald, wo sie sich mehr daheim fühlte als sonstwo auf dieser Welt.
Konzentriert und bewegungslos verharrte die Vierjährige.
Da! Ein winziger grauer Kopf schob sich vorsichtig aus dem Loch. Noch einen Moment und sie war ganz draußen. Es ging um Sekunden. Bitzschnell griffen ihre Hände zu. Christine spürte das Herzrasen des kleinen Tieres und öffnete ihre Hände einen winzigen Spalt. Dann sah sie in die schwarzen Augen und sah die Panik darin. Beruhigend sprach sie auf das Tier ein. Die Buben umringten sie.
“Christine, zeig mal her!” “Warum ist die eigentlich immer schneller als wir?” “Gib uns die Maus!” “Lass doch nur mal sehen!”
“Nein, ihr tut ihr weh! Sie hat doch auch eine Familie und die sucht sie jetzt sicher schon überall!”, rief das Mädchen und legte schützend die Hand über das kleine Nagetier. Christine liebte Tiere über alles, sie waren oftmals ihre einzigen Spielgefährten und sie konnte es nicht ertragen, wenn jemand ihnen etwas antat. Wahrscheinlich hatten die Jungen gar nichts böses im Sinn, nicht so wie die Erwachsenen. Christine erinnerte sich nur noch allzu gut an jenen Tag, an dem der Vater sie in den kleinen Garten, den sie gepachtet hatten, rief. Im Gegensatz zu den meisten Leuten hier, hatten die Eltern keinen Bauernhof, keinen Besitz, sondern wohnten zur Miete, denn sie waren erst später hier zugezogen.
“Schau mal, was Papi hat!” Der untersetzte Mann zeigte stolz auf einen Eimer. Christine war neugierig und trat zögernd näher. Die Mutter war nicht in Sicht, gut so. Im Eimer war eine winzige Maus, noch viel kleiner, als die, die sie jetzt gerade in den Händen hielt.
“Darf ich sie behalten?”, fragte das kleine Mädchen aufgeregt.
“Behalten? Du darfst zusehen, wie ich sie gleich mit einem Spaten erschlage. Die ist Ungeziefer, die richtet Schaden an.” Christine schaute auf die winzige Maus, die keine Chance hatte, aus dem Eimer zu entkommen und auf den mitleidlosen Vater, in diesem Moment einen wahren Bullen in ihren Augen. Sie spürte die Angst des Tieres, das verzweifelt im Kreis des Eimers hin und her lief und nach einem Ausweg suchte. In dem Mädel stiegen Trauer und Mitleid auf und als es seinen Vater ansah, füllten sich ihre Augen mit Tränen.
“Das darfst du nicht tun. Lass sie frei, bitte bitte! Sie ist doch noch ein Baby und ihre Mutter wird sie suchen.” Der Vater griff nach dem Spaten, der neben ihm stand. Christine hörte auf zu schluchzen und sah ihrem Vater mit festem Blick in die Augen.
“Du lässt sie laufen!”, dachte sie dabei. Oder hatte sie es laut gesagt?
“Nun gut, wenn dir soviel daran liegt, Christine, dann lass sie selber frei.”, sagte er und ging davon. So schnell sie konnte, kippte sie den Eimer in Schrägstellung und die Maus sauste davon.
Christine öffnete ihre Hände und sah der Maus ein letztes Mal in die schwarzen Kulleraugen, bevor sie sie behutsam auf den Boden setzte.
Die Buben schauten reglos zu. Das kleine graue Tier hielt einen Moment inne und sah sich witternd um. Dann rannte es blitzschnell in das Feld.
“Leb wohl Amanda!”, rief ihm das Mädel hinterher, bevor es sich die Erde von den Knien abklopfte. und zu dem kleinen Gartenhaus hinübersah, dessen Grundstück direkt an das Feld anschloss.
“Christine! Mittagessen!” Das Mädchen zuckte zusammen und hob dann seufzend die Schultern. Es wurde fortgerufen in eine andere Welt. Das kleine Gartenhaus schloss mit seinem Garten direkt an das Feld an. Ergeben trottete Christine den Weg entlang zur Gartentür, wo die Mutter schon ungeduldig wartete. Als sie ihre Tochter sah, verzog sich ihr Gesicht:
“Musst du dich eigentlich immer so einsauen?”, meckerte sie. “Hörst du mir überhaupt zu, du dummes Stück Sch…?”
Christine schaute an ihr vorbei auf die Glockenblumen und Tulpen, in den blühenden Garten. Sie war nicht mehr hier in diesem Moment, es war Frühling und das Leben war schön.
© Christine Erdic